Kreuzzug für den Lebensstil

Der Tagesspiegel, 26.08.2010

Kreuzzug für den Lebensstil

DEUTSCHES THEATER Robert Thalheim nimmt in „Moschee DE“ einen realen Streitfall als Anlass für eine Forschungsreise in den deutschen Alltag 

Robert Thalheim war frisch mit seiner Familie ins beschauliche Pankow gezogen, als er im Supermarkt zwischen die Kreuzzüglerinnen geriet. Aufgeregte Hausfrauen, so beschreibt er es, hatten dort einen Tisch aufgestellt, wetterten lautstark gegen die Islamisierung Deutschlands und kämpften für Frauenrechte statt Minarette. Gegenstand des Protestes, so erfuhr der perplexe Regisseur, war der geplante Bau der Khadija-Moschee im Kiez. Die Genehmigung sei schon erteilt, „vielleicht können wir es nicht mehr verhindern“, raunte ihm eine der streitbaren Damen zu, „aber wir können ihnen das Leben zur Hölle machen!“

Robert Thalheim ist bekannt als Filmemacher, von ihm stammt das berührende Jugendporträt „Netto“, außerdem die staunenswert sensible Geschichte über einen deutschen Zivi in der Gedenkstätte Auschwitz, „Am Ende kommen Touristen“. Während Künstlerkollegen ihre Inspiration gerne mal aus der Panorama-Seite der Zeitung beziehen, sucht Thalheim Stoffe, zu denen er einen persönlichen Zugang hat, wie unmittelbar auch immer. Der Pankower Religionstumult weckte jedenfalls sofort sein Interesse, und bald stieß er auf die Spiegel-TV-Reportage über einen Vorfall, der sich ein paar Monate zuvor ereignet hatte. „Man sieht anhand dieses kurzen Films, wie Pogrome entstehen können“, so Thalheim. Die islamische Gemeinde wollte sich auf einer Bürgerversammlung in einer Turnhalle vorstellen, was in aufgeheizter Stimmung derart aus dem Ruder lief, dass die Muslime unter Polizeischutz aus dem Saal gebracht werden mussten, während schließlich ein aufgebrachter Mob den Slogan der DDR-Bürgerrechtsbewegung „Wir sind das Volk!“ skandierte. Was für ein irrlichterndes Sujet.

Thalheim, der seine künstlerische Laufbahn als Regieassistent am Berliner Ensemble begonnen hat, merkte schnell, das war kein Stoff für einen Dokumentarfilm, der nur nacherzählt. Sondern für die Bühne, wo man diesen Konflikt, den die Beteiligten auch als Forum für die Selbstinszenierung nutzen, noch einmal anders beleuchten, wo man auch die abstruse Sprache wertschätzen kann, in der da plötzlich Weltglaubensfragen und kulturelle Praxis verhandelt werden. „Kaum jemand geht mehr in die Kirche, außer an Weihnachten“, amüsiert sich Thalheim, „und auf einmal wird in Heinersdorf auswendig aus dem Koran zitiert, die Bibel gelesen und über den Gartenzaun hinweg diskutiert, ob Jesus wirklich am Kreuz gestorben ist.“

Gemeinsam mit dem Journalisten und Schriftsteller Kolja Mensing hat der Regisseur Interviews mit Protagonisten der Eskalation geführt und daraus mit Schauspielern das Stück „Moschee DE“ entwickelt – nach der Uraufführung in Hannover ist es nun am DT zu sehen. Es kommen der evangelische Pfarrer zu Wort, der Imam und ein Konvertit, der Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen den Moscheebau und eine Zugezogene, die eine Gegenbewegung für ein tolerantes Heinersdorf ins Leben gerufen hat. Wobei es Thalheim und Mensing „weniger um einzelne Positionen innerhalb des Konflikts, als vielmehr um die persönlichen Geschichten seiner Protagonisten“ ging. Einer wie der Anführer der Moscheegegner, berichtet Thalheim, „definiert sein gesamtes Leben rückblickend über den Streit“. Sogar die Tatsache, eine lesbische Tochter zu haben, wird da zum Kampfargument. Man kenne ja die Bilder aus dem Iran, wo Schwule an Baukränen aufgehängt würden , ließ der Mann verlauten – als drohe das demnächst auch in Pankow.

Die Inszenierung ergreift nicht Partei, auch nicht für die islamische Gemeinde, sie spiegelt bloß das absurd-autistische Nebeneinander kultureller Totalitätsansprüche. Der Regisseur nimmt sich auch selbst nicht aus, wenn er sagt, er habe bei seinen Heinersdorfer Recherchen festgestellt, wie alle „auf dem Kreuzzug für den eigenen Lebensstil“ seien, wie der Neubewohner seinen Prenzlauer-Berg-Bioladen erwarte und der Alteingesessene sich gegen jede Veränderung stemme. „Jeder kämpft für seinen Vorgarten.“
PATRICK WILDERMANN
Berlin-Premiere 12.9., 20.30 Uhr im Rahmen des Festivals „Parzelle Paradies“