Angriffe von außen

Berliner Zeitung, 23.04.2013

Heinersdorf gehört zu Berlin und versteht sich doch als echtes Dorf, auch wenn es dort nicht nur beschaulich zugeht. Gegen die Großstadt und ihre Projekte setzen sich die Bewohner vehement zur Wehr. So ist es Tradition.
Noch weht ein scharfer Wind, wo bald schon Fleisch mit Motorsägen zerlegt werden soll. „Man spürt die Frischluftschneise“, sagt Alexander Pechmann, 42, ein bisschen sarkastisch und klappt den Kragen hoch, um sich gegen den Luftzug zu schützen. Seine Begleiterin Sandra Caspers zieht fröstelnd den Kopf zwischen die Schultern. Der Verlust der Heinersdorfer Frischluftschneise, die aus dem Norden kalte Luft in die Stadt leitet, ist in ihrem Bürgerverein eines der wichtigsten Argumente im Kampf gegen ein ungeliebtes Projekt. Dann stapfen beide los, quer übers Feld.
Sandra Caspers ist eine zierliche Frau. Wenn man mit ihr über diese große Brache im Pankower Ortsteil Heinersdorf läuft, wirkt die freie Fläche noch größer. Nach den Plänen eines Investors soll in der Nähe der Blankenburger Straße eine Fleischzerlegehalle entstehen. Eine Recyclinganlage steht bereits dort. Die Fleischhalle soll angrenzend gebaut werden. „Bis dahinten in die Pappeln rein“, sagt die 43-Jährige und zeigt auf Bäume am Horizont.
Erst die Moschee und jetzt das
328 Meter lang soll die Halle werden und 60 Meter breit – ganz schön groß. Aber die freie Fläche wirkt riesig, und die nächsten Einfamilienhaussiedlungen sind weit weg. Sandra Caspers und Alexander Pechmann sind trotzdem überzeugt, dass die Anwohner leiden werden, sollte die Halle gebaut werden: vor allem unter dem Schwerlastverkehr, der dann durch ihr Wohngebiet rumpeln würde. Außerdem wollen sie keinen Würstchengeruch, keine Bodenversiegelung und keinen Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Ihre Bedenken haben sie ans Bezirksamt geschickt. „Warum gehen die nicht an die Autobahn mit so einem Betrieb?“, sagt Pechmann.
Dort, wo die Halle entstehen soll, ragen zur Zeit riesige Betonwände in den Himmel, die Reste eines Bauschuttlagers, unzählige Sprayer haben sich darauf verewigt. „Ein Sprayer-Eldorado – das sollte man vielleicht unter Schutz stellen“, sagt Sandra Caspers. Der Vorschlag steht für den schwarzen Humor, den sie unterdessen entwickelt hat. Denn die Heinersdorfer – auch die Zugezogenen wie Caspers und Pechmann – gelten in Berlin als Bürger, die immerfort Widerstand leisten. Gegen Neues und gegen alle Veränderungen.
Vor einigen Jahren erregte Heinersdorf sogar bundesweit Aufmerksamkeit. Eine Moschee wurde gebaut, die erste im Osten Deutschlands. Fast ganz Heinersdorf scheint damals gegen diesen Bau gewesen zu sein. Viele Argumente waren schlicht islamfeindlich und vorgeschoben. Es gab Kundgebungen gegen die Muslime und Gegendemonstrationen. Die islamophobe Partei Die Freiheit ging aus diesem Konflikt hervor. Ihre Keimzelle ist Heinersdorf.
Die schon wieder. Dieser Reflex ist derzeit schwer zu unterdrücken. Denn der Unternehmer mit der Fleischhalle ist Türke. Die fast schon in Vergessenheit geratene Freiheitspartei nutzt auch prompt die Gunst der Stunde und stellt das Foto eines geschächteten Tieres auf ihre Internetseite. Dabei plant der Fleischgroßhändler so etwas gar nicht. Und bei einer Bürgerversammlung verwahren sich die Anwesenden dann entschieden dagegen, von der Partei vereinnahmt zu werden: Sie wollten nicht in der rechten Ecke stehen.
Rechten mit hohen Wahlergebnissen
Aber wo stehen sie dann? Die Wahlergebnisse der Rechtsaußenparteien sind hoch in Heinersdorf. Warum eigentlich? Und was wollen sie, die Heinersdorfer?
Wohl vor allem ihre Ruhe. Heinersdorf ist klein, es hat etwa 7000 Einwohner, in der Ortsmitte steht eine mittelalterliche Kirche. Drumherum jedoch herrscht ohrenbetäubender Lärm, unzählige Autos und Laster rumpeln vorbei. Der Ortskern befindet sich dort, wo sich Berliner Straße und Romain-Rolland-Straße überschneiden, zwei Hauptverkehrsstraßen. Nach Norden zweigt die Blankenburger Straße ab. Heinersdorf ist im Grunde eine komplizierte Straßenkreuzung.
Es gibt eine Menge Kleingärten und Industriebrachen in Heinersdorf. Rund um die zentrale Kreuzung befinden sich vor allem Parkplätze, viele der Ladengeschäfte stehen leer. Zwei schön sanierte historische Häuser gibt es. Der Rest wirkt weniger nett. Selbst am denkmalgeschützten Wahrzeichen, dem Wasserturm, bröckelt der Putz.
Sandra Caspers wohnt in einem der Einfamilienhausgebiete aus den Dreißigerjahren. Sie hat mit ihrer Familie vor Jahren eins der alten Häuser gekauft und anstelle des Spitzdachs eine moderne Holz-Glas-Konstruktion obendrauf gesetzt. Alexander Pechmann wohnt in einer ähnlichen Siedlung ein paar Ecken weiter. Zwischen den kleinen Wohnhäusern soll bald eine Straße gebaut werden, auf der die Lastwagen gefrorene Tierhälften in die Zerlegehalle bringen könnten. Dagegen haben die beiden auch was.
Das wundert Jens-Holger Kirchner, Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, nicht. Er hält die Heinersdorfer generell für besonders motzig. „Es gibt Bürger, die denken, sie können entscheiden, was gebaut wird und was nicht – gerade in Heinersdorf“, sagt er. Es sei nun mal das Recht eines Gewerbetreibenden, im Gewerbegebiet ein Grundstück zu kaufen – und es sei die Aufgabe der Ämter, mit einem Planverfahren möglich zu machen, dass er dort bauen darf. „In ein Gewerbegebiet gehört Gewerbe. Das ist ja auch Berliner Mischung“, sagt Kirchner.
Aber die Heinersdorfer würden sich immer gegen alles wehren, alles zerreden. Selbst ein Park würde Verkehr erzeugen, sagt Jens-Holger Kirchner, „aber wehe, es fährt einer durchs Wohngebiet!“ Manchmal klingt er amüsiert, zum Beispiel, wenn er über die „wilde Mischung“ vor Ort spricht: „Da sind einige Zugezogene mit Kampagnenerfahrung dabei, die haben sich im verschnarchten Heinersdorf vor zehn Jahren ein Häuschen gekauft und nun brüllen sie laut: hier keine Veränderung!“ Hundert Lkws am Tag seien doch eigentlich überhaupt nichts, findet der Stadtrat, „aber das bringt die Heinersdorfer auf die Palme.“ Und dann redet er sich richtig in Rage über die „Jammerlappen“, die sich als Opfer fühlten statt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Wenn Sandra Caspers so was hört, gerät sie in Rage. Schließlich habe sie sich noch nie auf eine solche Opferhaltung zurückgezogen, im Gegenteil. Als vor einigen Jahren die Ahmadiyya-Gemeinde ihre Moschee bauen wollte und sich eine Bürgerinitiative dagegen gründete, hielt sie auch nicht still. „Es hieß immer: ‚Wir Heinersdorfer wollen keine Moschee‘, aber ich wollte nicht Teil dieses Wirs sein“, sagt sie.
Mit gut einem Dutzend Mitstreiter gründete sie die Gegeninitiative „Heinersdorf öffne Dich“ und warb für Offenheit und Toleranz. Sie seien keine Moschee-Befürworter gewesen, sagt Sandra Caspers. Aber es habe sie gestört, dass so feindlich mit Menschen umgegangen wurde. Lehrer engagierten sich, Mediendesigner wie Caspers, Energieberater und auch die Berliner SPD-Politikerin Christa Müller. „Aber dann ging der Krieg los“, erinnert sich Sandra Caspers. Sie erhielt Drohanrufe, eine tote Ratte lag mal auf dem Gartenzaun. Rechte Gruppen, auch die NPD, marschierten durch den Ort. Dagegen demonstrierten dann wiederum linke Aktivisten und Antifa-Gruppen.
„Zukunftswerkstatt Heinersdorf“
Eigentlich wollen Sandra Caspers und Alexander Pechmann ja auch nicht immer nur dagegen sein. Im Gegenteil. Sie haben eine positive Vision für ihren Stadtteil. Aus ihrer Initiative etablierten sie einen Bürgerverein mit etwa hundert Mitgliedern und dem schönen Namen „Zukunftswerkstatt Heinersdorf“. An der Romain-Rolland-Straße haben sie in einer alten Apotheke ein Nachbarschaftshaus eröffnet, jedes Jahr wird ein Dorffest veranstaltet.
Das mit der positiven Vision ist allerdings so eine Sache, wenn die Bewohner es mit Großprojekten zu tun bekommen. „Das ist jedes Mal wie ein Angriff von außen“, sagt Sandra Caspers. „Ob Fleischgroßhalle oder Durchfahrtsstraße, keiner will sie, Heinersdorf kriegt sie.“
Immerhin, der Widerstand schafft Allianzen, die früher undenkbar waren. Im Nachbarschaftshaus stößt Gabriela Groth zu den beiden. Die 55-Jährige ist in Heinersdorf geboren, sie hat sich vehement gegen die 2008 eröffnete Moschee engagiert. Noch immer fürchtet sie sich vor der Missionierung und einem Kalifatsstaat. Ihr sind sogar die Rocker von „Born To Be Wild“ lieber, die in der Ortsmitte ein Headquarter aufgeschlagen haben. Der Motorradclub veranstaltet regelmäßig Germanenpartys mit Deutschrock, auch nicht jedem angenehm. Aber sie werden akzeptiert. Sie haben es einfach geschickter angestellt als die Muslime und erstmal alle zur Eröffnungsparty mit Bier und Bratwurst eingeladen.
Gegen die Fleischhalle sei sie auch gar nicht deshalb, weil der Investor Türke sei, sagt Gabriela Groth. „Da wird den Heinersdorfern jetzt was aufgedrückt, wir hätten uns genauso gegen einen Norweger oder Holländer gewehrt.“ Wenn die große Halle gebaut würde, sehe sie Probleme mit dem Grundwasser kommen, erklärt sie: „Das Wasser drückt in die Wohngebiete.“ Schon jetzt hätten die Anwohner der Region ständig feuchte Keller, weil alte Drainage-Gräben zerstört wurden, bebaut oder einfach nicht mehr instand gehalten würden.
Gabriela Groth hängt an ihrem Ort. „Das ist meine Heimat und die meiner Familie“, sagt sie. Ihrem Urgroßvater hat früher halb Heinersdorf gehört. Er hatte viele Kinder und hinterließ jedem ein Stück Land. Spaziert man mit Gabriela Groth durch den Ort, ist es fast, als laufe man durch ihr privates Fotoalbum. Hier die Schule, da der Kindergarten, in den sie gegangen ist – wie vor ihr ihre Eltern und nach ihr ihre Tochter. Dem Onkel gehörte der Dorfkrug. Einige Tanten erbten das Areal in der Dorfmitte, wo die Großeltern früher eine Geflügelfarm betrieben. Jetzt verkauft hier Netto Lebensmittel. „Das Leben ist Veränderung“, sagt Gabriela Groth. Dagegen hat sie nichts. Sie wohnt hinter dem größten Autohandel des Ortes in einem Einfamilienhaus.
Als Gabriela Groth klein war, muss Heinersdorf sehr beschaulich gewesen sein, überall gab es Gärten mit Blumen und Obstbäumen. In den Räumen der Zukunftswerkstatt erläutert zurzeit eine Ausstellung die Heinersdorfer Geschichte. Große Tafeln illustrieren, wie sich das im Mittelalter gegründete Bauerndorf verändert hat in den Kriegen und der Zeit danach. Zu DDR-Zeiten sollte hier eine Hochhaussiedlung für fast 30.000 Menschen entstehen. Offenbar verhinderte das hochstehende Grundwasser den Plan, gebaut wurde in Marzahn.
Wenn man mit Gabriela Groth in Heinersdorf spazieren geht, sieht man den Ort plötzlich mit anderen Augen. Der Verkehr im Ortskern ist nicht ihr größtes Problem. Sie hat sich auch schon gegen geplante Entlastungsstraßen gewehrt. Nicht nur, weil sie die für sinnlos hielt, sondern vor allem deshalb, weil eine alte Tante dafür hätte enteignet werden müssen.
Die meisten Ortsbewohner sind alte Heinersdorfer, die Zugezogenen bleiben in der Zukunftswerkstatt unter sich. Die Wahrnehmung des Ortes und die Visionen scheinen unvereinbar zu sein. „Die wollten in der Mitte eine Fußgängerzone, aber das hielten wir für unrealistisch“, sagt Gabriela Groth. Die, das sind die Zugezogenen. Wir, das sind die Alteingesessenen. So wird der Abstand gewahrt in Heinersdorf. „Die sind die Toleranten. Wir sagen: Nee, das passiert hier nicht“, sagt Groth. Und: „Die bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, wir sind immer gelaufen“, sagt sie. Noch ein feiner Unterschied, den sie trifft.
Gemeinsam gegen Kirchner
Seit dem Moscheestreit haben sich allerdings beide Heinersdorfer Bewohnergruppen zunehmend verbündet. „Wir haben damals heiße Diskussionen im Krug geführt. Das hat die Heinersdorfer enger zusammengebracht“, sagt Gabriela Groth, während sie in eben jenem Krug, der mittlerweile ein italienisches Lokal ist, an einem Tisch sitzt. Das betrifft zum Beispiel Kirchner, den Stadtrat. Gegen den sind sie geschlossen, weil er ihnen in ihrer Wahrnehmung immer nur was überhelfen will – Pläne für neue Straßen, für Gotteshäuser oder für Fleischzerlegehallen.
„‚Den Heinersdorfern können wir das aufdrücken‘, dieses Gefühl ist immer da“, sagt Gabriela Groth. „Aber es gab schon immer kritische Heinersdorfer, die sich gewehrt haben.“ Als nächstes wird sie gegen einen neuen Straßennamen zu Felde ziehen.
Ein widerständiges Volk, diese Heinersdorfer. „Aber bescheiden“, sagt Gabriela Groth und lacht. Dann muss sie erstmal ein paar Neuigkeiten mit Bekannten austauschen, die gerade die Straße herunterkommen.