Neuanfang in den Familiengärten

Berliner Abendblatt, 1. März 2014

Die Verträge in Berlins ältester Kleingartensiedlung wurden gekündigt

In der KGA Familiengärten herrscht derzeit große Aufregung. Vielen der rund 250 Laubenpiepern in Berlins ältester Kleingartenkolonie wurden die Verträge gekündigt. Das Grundstück an der Blankenburger Straße soll verkauft werden. Einige der Pächter wollen sich wehren. Die mit dem Verkauf beauftragte Verwalterin dagegen spricht von einer Neuordnung. Mehr noch: Für die Kleingärtner sieht sie die Chance, endlich Klarheit zu schaffen.

Ungewisse Zukunft. Auf dem Tisch von Thomas Wendt und vielen anderen Pächtern der Familiengärten lagen zum Ende letzten Jahres neue Verträge. Zwei Jahre Laufzeit sehen diese vor, mit der Option auf ein Jahr Verlängerung. Spätestens dann muss gekauft oder geräumt werden. Dagegen wehrt sich nun eine kleine Gruppe von Pächtern. „Wir sollen hier runter, damit Wohnungen gebaut werden können“, sagt der Familiengärten-Vorsitzende Wendt. Er ist wie viele andere der Schrebergärtner seit Jahrzehnten auf seiner Parzelle. „Manche wurden hier geboren. Die wissen teilweise nicht wie es weitergeht, weil sie nicht das Geld für den Kauf haben“, sagt Wendt. Die Familiengärten gibt es seit 1893. Manche Parzelle wurde von Generation zu Generation übergeben. Grund für die Neuverträge ist eine gerichtliche Anordnung. Die Boden-Aktiengesellschaft Heinersdorf Berlin, eine Eigentümergemeinschaft, muss all ihren Grundbesitz verkaufen. Dazu gehören seit 1916 auch die Familiengärten. Richtig kompliziert wird die Lage aber durch eine andere Gerichtsentscheidung. Seit 2008 sind die Familiengärten per Gerichtsbeschluss keine Kleingärten mehr. Dafür haben hier zu viele Pächter seit Jahren ihren permanenten Wohnsitz. Damit wurden viele Verträge, von denen es in der Kolonie eine wahre Vielfalt gibt, teilweise ungültig. Manche Verträge stammen aus der DDR, manche wurden nach der Wende abgeschlossen. Einige Pächter haben ihre Parzelle bereits vor Jahren gekauft. Darüber, dass in den Familiengärten ein Vertrags-Chaos herrscht, sind sich die Beteiligten einig. „Ich versuche die Dinge in der KGA Familiengärten zu ordnen. Derzeit gehe ich auf die Bewohner zu, um die Grundstücke möglichst in ihren Besitz übergehen zu lassen“, sagt Elke Kuhlmey, die vom Gericht mit dem Verkauf beauftragt wurde.

Keine Wohnungen. Dennoch sieht es für ein paar Familiengärtner so aus, als sollten sie zugunsten von profitablen Wohngrundstücken im heißbegehrten Bezirk vertrieben werden. Und verweisen auf den Flächennutzungsplan. Der weist zwar keine Kleingärten mehr aus. Das wurde nach dem Urteil geändert. Wohl aber eine Grünfläche. Diese durch den Senat in eine Wohnungsbau-Fläche umwandeln zu lassen, sei ohnehin viel zu zeitaufwendig, sagt Elke Kuhlmey. „Das dauert zehn oder 15 Jahre. So lange könnte ich den Verkauf des Grundstücks gar nicht verwalten. Zudem hat der Bezirk in ähnlichen Situationen bewiesen, dass er sich für den Schutz von Pächtern einsetzt“, so Elke Kuhlmey weiter.

Gespräche. Und eine Lösung sei in Sicht. Immer mehr Mieter würden die Verträge unterschreiben. Viele hätten bereits gekauft. Mit Bezirk und Mietern will sie nun bei Treffen die Situation besprechen und den Übergang organisieren. Aus ihrer Sicht sollte auch den Schrebergärtnern an einer Zusammenarbeit gelegen sein. Wenn das Gericht jemand anderen mit der Liquidation beauftragt, könnte der einfach an den Höchstbietenden verkaufen. Die Chancen ihre Lauben zu behalten, wäre dann für viele dahin.
Alexander Wolff